
In Bewegung kommen – und in Führung gehen (Teil 4)
🚴♂️ Auf meiner Transalp von München nach Meran im vergangenen August gab es kurz vor Klausen in Südtirol einen Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist.
Wir mussten unsere geplante Route verlassen. Eine Umleitung zwang uns, einen anderen Weg einzuschlagen. Das Gelände wurde rauer, die Strecke anspruchsvoller.
Unser ursprünglicher Plan? Erst einmal hinfällig.
Doch dann passierte etwas Überraschendes: Die neue Strecke führte uns durch eine landschaftlich besonders reizvolle Gegend. Und statt uns durch den Autoverkehr zu kämpfen, konnten wir die Umgebung viel intensiver genießen.
Was zunächst wie ein Hindernis aussah, erwies sich als echte Bereicherung.
Manchmal ist die bessere Route eben nicht die, die wir ursprünglich geplant haben.
Und was hat das mit Führung zu tun?
Ich denke, eine ganze Menge.
Führungskräfte erleben heute immer häufiger, dass ihre bewährten Pläne nicht mehr aufgehen. Wirtschaftlicher Druck, technologische Veränderungen, künstliche Intelligenz und neue Erwartungen der Mitarbeitenden verändern die Rahmenbedingungen – oft schneller, als wir darauf reagieren können.
Wie groß die damit verbundene Orientierungslosigkeit ist, zeigt eine aktuelle PwC-Studie vom Oktober 2026.
46 Prozent der befragten deutschen Top-Führungskräfte geben an, die Gründe für die aktuellen Veränderungen selbst nicht ausreichend zu verstehen.
Und 32 Prozent der Beschäftigten verstehen nicht, warum sich ihre eigene Rolle verändert.
Das ist bemerkenswert. Denn ausgerechnet diejenigen, die anderen Orientierung geben sollen, suchen selbst nach Orientierung.
Eine Frage, die viele Führungskräfte kennen dürften, bekommt also eine immer größere Relevanz: Wie soll ich meinen Mitarbeitenden den Weg zeigen, wenn ich selbst noch nicht weiß, wohin die Reise geht?
Learning 1: Orientierung braucht Klarheit – keine absolute Gewissheit.
Wenn der bisherige Weg nicht mehr funktioniert, brauchen wir nicht sofort ein neues Ziel. Sondern zunächst neue Orientierung.
🚴♂️ Auf dem Rad muss ich nicht jede Kurve im Voraus kennen. Aber ich sollte wissen, wohin ich möchte und worauf ich unterwegs achten muss.
Für Führung gilt Ähnliches.
Wer Orientierung geben will, braucht nicht auf jede Frage sofort eine Antwort. Viel wichtiger ist die Klarheit darüber, was wirklich zählt.
Welche Ziele verfolgen wir? Welche Werte leiten unser Handeln? Was hat jetzt Priorität?
Gerade in unsicheren Zeiten schafft diese innere Klarheit die Voraussetzung für gute Entscheidungen.
Orientierung beginnt nicht mit dem perfekten Plan. Sondern mit einer klaren Haltung.
Orientierung geben heißt deshalb auch, Unsicherheit offen anzusprechen, Prioritäten verständlich zu machen und gemeinsam nächste Schritte festzulegen. Nicht jede Antwort muss bereits feststehen. Aber der nächste sinnvolle Schritt sollte erkennbar sein.
Learning 2: Kurskorrektur ist kein Zeichen von Schwäche.
Vor Klausen hätten wir uns über die Umleitung ärgern können. Über zusätzliche Anstrengung, unbekanntes Gelände und die Abweichung von unserer geplanten Strecke.
Stattdessen haben wir uns auf den neuen Weg eingelassen.
Und wurden belohnt.
Auch in der Führung halten wir manchmal zu lange an einmal getroffenen Entscheidungen fest. Weil wir glauben, Konsequenz bedeute, einen eingeschlagenen Kurs unter allen Umständen beizubehalten.
Doch Konsequenz bedeutet nicht Starrheit.
Der Weg ist nicht das Ziel. Der Weg führt zum Ziel. Und manchmal braucht es dafür eine neue Route.
Entscheidend ist, auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben: die Situation neu zu bewerten, Entscheidungen zu überprüfen und das eigene Handeln anzupassen.
Wer seinen Kurs verändert, muss deshalb noch lange nicht sein Ziel aufgeben.
Im Gegenteil: Die Bereitschaft, neue Informationen aufzunehmen, Entscheidungen zu überprüfen und gegebenenfalls nachzusteuern, ist Ausdruck von Selbstwirksamkeit und wahrer Führungsstärke.
Mein Fazit
Führung braucht Bewegung. Nicht nur körperlich, sondern vor allem im Denken, Fühlen und Handeln.
Genau darum geht es bei meinem Coaching-Ansatz Leadership in Motion®.
Nicht starr an Plänen festhalten, sondern mit einer klaren inneren Haltung beweglich bleiben.
Nicht jede Veränderung als Störung betrachten, sondern auch als mögliche Chance.
Und vor allem: Nicht darauf warten, dass alle Unsicherheiten verschwinden, bevor wir wieder ins Handeln kommen.
Denn gute Führung bedeutet nicht, immer den richtigen Weg zu kennen, sondern auch unter veränderten Bedingungen selbstwirksam auf Kurs zu bleiben.
Und manchmal entdecken wir dabei Wege, die wir sonst nie eingeschlagen hätten.
Meine Abschlussfrage für heute:
Wie gibst du deinen Mitarbeitenden Orientierung, wenn du selbst noch nicht alle Antworten kennst?
Ressourcevolle Grüße,
Achim Neubarth
Quelle: PwC Deutschland, Workforce Hopes and Fears Survey 2026, veröffentlicht am 2. Oktober 2026.



