
Wie komme ich gut über meinen 🚴♂️🏔️ (Arbeits-)Berg?
Ein Kunde erzählt mir im Coaching von seinen mentalen Sorgen, die schon beim Aufstehen in der Früh losgehen. „Schon in der Früh, wenn ich aufwache, quält mich die Frage: Oh Gott, oh Gott, meine Arbeit, wie komme ich heute bloß gut über den Tag?“
Der Arbeitstag hat also noch gar nicht begonnen und mental steht der Mensch bereits vor einem Berg, der kaum überwindbar scheint.
Logisch: In unserer Arbeitswelt türmen sich die Anforderungen immer weiter auf: komplexe Aufgaben, enge Zeitfenster, steigender Entscheidungsdruck. Hinzu kommen widersprüchliche Erwartungen, permanente Erreichbarkeit und das quälende Gefühl, nie wirklich am Ziel anzukommen.
Klar ist auch; nicht jeden Druck können wir beeinflussen. Wohl aber die Art und Weise, wie wir ihm begegnen. Denn zur äußeren Belastung kommt häufig eine zweite hinzu: der Druck, den wir durch unsere eigene Bewertung der Situation erzeugen.
Wie also schaffen wir es als Einzelne – und vor allem gemeinsam als Team oder Organisation – gut über diesen Berg zu kommen? Nicht im Sinne von schneller, höher, weiter, sondern auf eine Weise, die nachhaltig, menschlich und kraftvoll ist?
🚴♂️🏔️ Auf meiner Transalp von München nach Meran gab es einen Moment, in dem diese Frage für mich sehr konkret wurde. Tag drei. Die Königsetappe zum Brenner. Rund 1.700 Höhenmeter, brütende Augusthitze und zwei anstrengende Tage bereits in den Beinen. Irgendwann meldete sich nicht nur der Körper. Auch im Kopf begann der Berg immer größer zu werden.
Mir half in diesem Moment kein heroisches „Du schaffst das!“. Ich musste meine Perspektive verändern. Ich hörte auf, gedanklich ständig auf die Passhöhe zu schauen, und teilte den Anstieg in kleine Etappen, Zwischenziele – meine „Kuchenstücke“. Nicht mehr: Wie soll ich noch bis zum Brenner kommen? Sondern nur noch: Wie komme ich gut bis zum nächsten Zwischenziel?
Der Berg wurde dadurch keinen Meter niedriger. Die Hitze keinen Grad kühler. Und meine Beine waren auch nicht plötzlich frischer. Verändert hatte sich jedoch mein innerer Fokus und damit auch mein Zustand.
Genau darin liegt eine wichtige Lektion für Führung: Nicht immer können wir den Berg verändern. Aber wir können verändern, wie wir ihn betrachten, in welche Etappen wir ihn zerlegen und mit welchem inneren Zustand wir uns auf den Weg machen.
Learning 1: Zuerst kommt der „Zuspruch“, dann kommt der „Anspruch“.
Mein Reim auf Stress und Druck lautet: „Zuerst kommt der Zuspruch, dann der Anspruch.“
„Zuspruch“ meint meine innere Haltung, aus der heraus ich mich meinen Anforderungen stelle. Das Vertrauen in mein schon so oft gezeigtes eigenes Wissen und Können, also die Summe meiner unter Beweis gestellten Fähigkeiten zum „Troubleshooting“.
Anders gesagt: Ich erkenne meine Möglichkeiten und Grenzen an, richte meine Aufmerksamkeit auf das Beeinflussbare und versetze mich dadurch in einen handlungsfähigen Zustand.
Es sind vor allem die Komponenten Selbstvertrauen, Selbstbegrenzung und Selbstwirksamkeit, die mir konkret über den Berg helfen. Also: Was kann ich? Was kann ich gerade nicht leisten? Und was kann ich jetzt konkret beeinflussen?
Wenn auch meine Arbeitsbelastung hoch sein sollte, so kann ein innerer mentaler Druckausgleich erreicht werden, durch eine einfache Erkenntnis: Ich muss nicht als Führungskraft perfekt sein. Es geht nicht darum, „Herr aller Möglichkeiten“ zu sein, sondern „Herr meiner Möglichkeiten“. Das ist ein feiner und doch sehr wichtiger Unterschied.
So manche Führungskraft gräbt sich jedoch selbst das Wasser ab, indem sie zwei Dinge verwechselt. Im leistungsgetriebenen Hamsterrad der täglichen Performancesteigerung verwechseln wir gerne die beiden Parameter „Zuspruch“ und „Anspruch“ miteinander.
Viele Führungskräfte prüfen zuerst, was alle anderen von ihnen verlangen – und erst viel später, was sie selbst brauchen, um leistungsfähig zu bleiben.
Die Folgen sind nur allzu bekannt: Stress, Überforderung, Dauermüdigkeit und vor allem schlechtere Ergebnisse.
Was die Situation jetzt verlangt, sind Präsenz, Klarheit und Erdung. Und erst danach folgt der Anspruch: Was verlangt die Situation jetzt von mir?
Festzuhalten bleibt: Gute Führungsarbeit kann nur leisten, wer selbst in einem guten Zustand ist. Also ein Zustand, in dem eine Führungskraft präsent, reguliert und handlungsfähig ist.
Nur: Mit der richtigen Einstellung allein, wäre ich an diesem Tag auch nicht über den Brenner gekommen.
Learning 2: Führung sitzt nicht nur zwischen den Ohren.
Wir sprechen in der Führung viel über Mindset, Resilienz, Selbststeuerung, Achtsamkeit und Fokus. Zu Recht. Aber manchmal tun wir dabei so, als säße Führung ausschließlich zwischen den Ohren.
Eine gesunde Leistungsfähigkeit entsteht jedoch nicht ausschließlich im Kopf. Wir brauchen dazu auch unseren Körper. Unser Körper ist jedoch kein bloßes Transportmittel für unser Gehirn. Er ist Teil unseres Leistungs- und Regulationssystems und will angemessen gefördert werden.
Den Beweis hierfür liefert die aktuelle Sportmedizin. Martin Halle, Sportmediziner aus München weist nach, dass schon 20 Minuten erhöhte körperliche Intensität (z.B. Radfahren) vollkommen ausreichen, um sich fit zu machen, für alle tagtäglichen Herausforderungen. Halle spricht in diesem Zusammenhang vom „Body-Cross-Talk“. Intensive Bewegung setzt im Körper Kommunikationsprozesse in Gang. Muskeln und Knochen geben Botenstoffe ab, die auf andere Organe und auch auf das Gehirn wirken.
Vereinfacht gesagt: Wenn wir unseren Körper in Bewegung bringen, bringen wir ein ganzes biologisches Kommunikationssystem in Bewegung.
Ein guter Zustand ist also keine reine Kopfsache.
Für Führung bedeutet das: Leistungsfähigkeit lässt sich nicht ausschließlich mental herstellen. Wir können unseren Zustand auch körperlich beeinflussen.
Resultatssatz: Wir können uns den Berg, der vor uns liegt, nicht immer aussuchen. Aber wir können beeinflussen, in welchem Zustand wir ihm begegnen.
Herzliche Grüße,
Achim Neubarth